Coming Out
Den Begriff Coming Out kannst Du mit Herauskommen
oder Sichtbarwerden als Lesbe übersetzen. Das ist nicht zu verwechseln mit
dem Begriff Outing, der die Situation bezeichnet, dass sich jemand vor
anderen Leuten äußert, Du bist lesbisch, ohne das Du die Einwilligung zur
Offenbarung gegeben hast.
Das Coming Out ist ein Prozess, der sich in zwei
Bereiche unterteilt:
- das Coming Out vor sich selbst
- und nach außen hin vor anderen.
Dein Coming Out vor Dir selbst kann mehrere Jahre
dauern und von der Ahnung bis zur Gewissheit reichen, lesbisch zu sein. Es
kann auch nach Jahren der Gewissheit wieder eine Unsicherheit einkehren,
denn manche Frauen leben jahrelang lesbisch und beginnen dann plötzlich doch
wieder eine Liebesbeziehung mit einem Mann. Wenn du da gerade irgendwo drin
steckst, geht es Dir damit bestimmt nicht gerade gut, vor allem, wenn Du
Dich damit ganz allein auf der weiten Welt fühlst. Dagegen hilft natürlich
vor allem das Reden mit anderen, die Dich nicht aufgrund Deiner Gefühle und
Entscheidungen bewerten. Eine gute Hilfe bieten hier die Lesbentelefone
(z.B. der LesLie e.V.), weil Dir da
objektiv zugehört wird und Du dort auch Informationen zu bestehenden
Coming-Out-Gruppen erhalten kannst, durch die Du Kontakt zu Frauen bekommst,
denen es gerade genauso geht wie Dir.
Viele Frauen sagen auch erstmal, sie seien bi,
weil alle Leute und die Gesellschaft, auch jede Frau irgendwie von sich
selbst fordert, sich auf eine der Kategorien der sexuellen Orientierung
festzulegen. Sich als bisexuell zu definieren bietet die Möglichkeit, eine
Gruppe zwischen schwarz und weiß zu wählen und sich nicht auf eines von
beiden schon festlegen zu müssen. Es gibt aber auch Frauen, die sich
gleichermaßen zu Frauen wie zu Männern hingezogen fühlen und für die es
nicht ein Ausweg aus dem Festlegen müssen ist, sondern die entspricht
wirklich ihrer sexuellen Orientierung. Darunter sind Frauen, die mit Frauen
und Männern gleichzeitig was laufen haben, aber auch solche, die ganz
monogam mal mit einem Mann und mal mit einer Frau leben.
Die andere Form des Coming Outs, nämlich
nach außen vor anderen, kann sehr unterschiedlich aussehen und jede geht
damit anders um. Das Spektrum ist breit: Einige leben sehr zurückgezogen und
erzählen keinem oder nur sehr wenigen on ihrem lesbisch sein, verleugnen
ihre Partnerin, in dem sie sie vor anderen als nur gute Freundin vorstellen.
Andere erzählen Freunden/Freundinnen und/oder Bekannten und/oder den
Eltern/Verwandten, dass sie lesbisch sind. Wiederum andere leben sehr offen
lesbisch, indem sie händchenhaltend durch die Straßen gehen, am Arbeitsplatz
bekant ist, dass sie eine Partnerin haben und sich politisch für die Rechte
von Lesben einsetzen.
Diese Art des Coming Out ist auch ein
lebenslanger Prozess, da Du immer wieder neuen Menschen begegnest und dann
abwägst, ob Du Dich als Lesbe offenbaren magst oder Dir das Risiko einer
Diskriminierung/Abwendung zu groß ist.
Das Coming Out kann in jedem Alter stattfinden.
Die Frage ob Du vielleicht lesbisch bist, kann Dich erstmals mit z.B. 16
Jahren genauso treffen, wie im Alter von 60 Jahren.
Vielleicht hast Du Liebesbeziehungen mit Männer
geführt, warst/bist verheiratet und hast evtl. eigene Kinder, weil Dir
vorher gar nicht klar war, dass Du ja auch noch andere Möglichkeiten hast
und diese nichts verwerfliches an sich hat. Zwar hast Du mittlerweile
vielleicht schon öfters mal was in den Medien über Lesben mitbekommen, aber
das dort vermittelte Bild von Lesben wie z.B. die Figur "Walter" aus der
TV-Serie "Hinter Gittern" hat Dich eher abgeschreckt und Gedanken in Dir
hervorgerufen wie "so bin ich nicht" oder "so will ich nicht sein". Meist
vermitteln ja immer noch die Medien: Lesben sind Mannweiber, sie nehmen in
einer lesbischen Beziehung jeweils eine typische Frauen- und Männerrolle ein
oder sie sind irgendwie skurrile , ausgeflippte, exotische Wesen. Zwar gibt
es so etwas auch, aber beim besten Willen nicht nur! Vielleicht bist Du in
einer Zeit aufgewachsen, die Dir Deine Identitätsfindung schwer gemacht hat,
weil Lesben noch viel mehr als heute totgeschwiegen und als krank bezeichnet
wurden (die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Homosexualität erst im
Jahre 1993 als Krankheit aus dem Register gestrichen!).
Auf jeden Fall ist die Klärung der eigenen
Identität in unserer Gesellschaft noch immer schwierig, weil
Heterosexualität immer noch als "normal" (im Sinne einer Wertung) gilt. Denn
niemand fragt, warum er/sie heterosexuell wurde, aber Du sollst Dich fragen
warum Du lesbisch wurdest! Es gibt sogar viele Leute, die genau wissen, was
Homosexualität bedeutet, aber mit dem Wort Heterosexualität (=die Liebe
zwischen Mann und Frau) nichts anfangen können. Auch dies zeigt, für wie
selbstverständlich Heterosexualität in unserer Gesellschaft angesehen wird.
Also kein Wunder, wenn Du vielleicht erst mit 60 Jahren erkennst, dass Du
lesbisch bist.
Je offener und selbstbewusster Du mit Deinem
Lesbischsein umgehst und je mehr Kontakte Du zu anderen Lesben hast, um so
besser wird es Dir insgesamt gesehen gehen. Natürlich könnte nun dadurch die
Gefahr der offenen Diskriminierung durch andere häufiger und massiver
werden. Jedoch strahlst Du durch einen offenen und selbstbewussten Umgang
mit dem eigenen Lesbischsein und dem Wissen um den Rückhalt durch
befreundete Lesben eine solche Stärke aus, dass die meisten Leute nicht
wagen, Dich anzugreifen.
Dein Coming Out zeigt Dir, wer zu den wahren
Freunden zählt und Dich mag, unabhängig davon, wen Du liebst, wem Du als
Person wichtig bist und dem nur wichtig ist, dass Du glücklich bist. Dabei
solltest Du aber auch bedenken, dass nicht nur Du lange dafür gebraucht
hast, Dich als Lesbe zu akzeptieren, räume deshalb diese Zeit auch anderen
Personen ein. Die Zeit brauchen andere auch, weil Du mit Deinem Coming Out
deren eigene Identität sozusagen selbst in Frage stellst und sie dann auch
mehr oder weniger bewusst in eine Identitätskrise geraten.
Ein schwieriges Kapitel sind dabei die eigenen
Eltern und sonstige Verwandtschaft. Niemand kann Dir sagen wie sie reagieren
werden, weil es für sie etwas anderes ist, ob Hella von Sinnen lesbisch ist
oder die eigene Tochter. Auf jeden Fall wird Dich leider zumindest am Anfang
keiner beglückwünschen, denn leider ist unsere Gesellschaft nicht so weit,
dass sich jemand darüber freut, wenn Du endlich Deine Bedürfnisse und Deine
Liebe gefunden hast.
Auch beruflich wirst Du Dich wohler fühlen, wenn
Du Dir keine Gedanken mehr über die anderen machen musst, weil Deine
Partnerin schon wieder mal im Büro anruft. Du wirkst nicht mehr arrogant und
distanziert, weil Du in Gesprächen mit Kollegen Deinen Alltag nicht mehr
heraus hältst. Bei Betriebsfeiern wirst Du vielleicht nun auch "mit Anhang"
eingeladen. Wenn Du selbstbewusst dazu stehst, haben die Kollegen Angst,
etwas negatives zu sagen, denn Du machst dann den Eindruck, dass Du Dich
auch selbstbewusst wehren kannst.
Je mehr Du Dein Lesbischsein verheimlichst, in um
so mehr Schwierigkeiten kannst Du geraten. Dich werden dann viele Ängste
quälen, dass Dein Verhalten andere stutzig machen könnte und sie etwas zu
ahnen beginnen. Es kann sich dazu entwickeln, dass Du ein richtiges
Doppelleben führst welches Dich richtig schlimm belastet bis hin zum
psychischen Krankwerden oder Alkoholismus führt. Denn wenn Du niemanden
hast, mit dem Du über Deine Gedanken sprechen kannst, dass Du lesbisch sein
könntest, oder bei Fragen nach der Liebe einen Mann vortäuschst oder Deine
Partnerin verleugnest, kommt es zu mannigfachen negativen Folgen.
Du verstrickst Dich in ein Lügengerüst, musst Dir
genau merken, was Du erzählt hast, damit es nicht zu Widersprüchen kommt und
Du nichts falsches sagst. Wenn Du eine Partnerin hast, kann es zu großen
Beziehungsschwierigkeiten kommen, weil Deine Partnerin sich durch das
Verleugnen abgewertet fühlt. Falls jemand in deiner Umgebung etwas vermutet,
kann es sein, dass Du vermehrt Diskriminierung und Sticheleien ausgesetzt
wirst. Denn die Leute merken, dass Du nicht zu Deinem Lesbischsein stehst,
dadurch wirkt das wie eine angreifbare Stelle, eine Schwäche, wo sie rein
schlagen können.
Durch ein verstecktes Lesbischsein vermeidest Du
die schmerzliche Erfahrung, dass sich jemand vor Dir zurückzieht, wenn diese
Person mit Deinem Lesbischsein nicht klarkommt. Du gehst das Risiko nicht
ein, dass Deine Eltern Dich vor die Tür setzen mit den Worten "wir haben
keine Tochter mehr". Allerdings spielst Du dann eine Doppelrolle vor den
Leuten, denen Du eigentlich am Vertrautesten sein solltest, und das mit all
den Nachteilen, die ein Doppelleben mit sich bringt. Und Du erfährst nicht,
ob Deine Eltern sich nicht vielleicht nach dem ersten Schock bekrabbeln und
sich hinter Dich stellen.
Beruflich wirst Du mit einem verstecktem
Doppelleben besser dastehen, wenn Du bei einem kirchlichen Träger arbeitest und
dort weiterarbeiten willst. Eigentlich darf niemand wegen seiner sexuellen
Orientierung gekündigt werden, aber Kirchen bilden da eine Ausnahme.
Homosexualität verstößt gegen die innerkirchlichen Regeln und ist somit bei
kirchlichen Trägern ein legaler Kündigungsgrund. Jedoch können Dir die Folgen
eines Doppellebens auch hier sehr zu schaffen machen. Zwar darfst Du bei allen
nicht kirchlichen Trägern wegen Homosexualität nicht gekündigt werden, aber
durch ein versteckt Leben vermeidest Du das Risiko eines anderen, vorgeschobenen
Kündigungsgrundes. Da Du außerdem ja die Kollegen nicht so einfach auswechseln
kannst, bist Du auf der sicheren Seite, wenn Du aus Angst vor Sticheleien oder
Beleidigungen/Diskriminierungen ein Doppelleben führst. Dies trifft vor allem
auf Arbeitsbereiche zu, in denen Du mit Kindern arbeitest, weil Dir unterstellt
werden könnte, Du würdest Sie zu "Homos" erziehen.
Du siehst, es gibt jede Menge Vor- und Nachteile
für das Offenleben und Verstecken des Lesbischseins. Wie Du Dich in der
jeweiligen Situation verhalten willst, kannst Du nur selbst entscheiden. Aber
oft hilft es erstmal mit jemanden darüber zu reden, der Deine letztendliche
Entscheidung stehen lässt, egal wie sie ausfällt.
Letzte Änderung am
05.01.2007. Bei
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