Coming Out
 
Was heißt eigentlich Coming Out?
Was passiert, wenn ich offen als Lesbe lebe?
Was kann mir passieren, wenn ich nicht offen als Lesbe lebe?
 
Was heißt eigentlich Coming Out?
 
Den Begriff Coming Out kannst Du mit Herauskommen oder Sichtbarwerden als Lesbe übersetzen. Das ist nicht zu verwechseln mit dem Begriff Outing, der die Situation bezeichnet, dass sich jemand vor anderen Leuten äußert, Du bist lesbisch, ohne das Du die Einwilligung zur Offenbarung gegeben hast.
 
Das Coming Out ist ein Prozess, der sich in zwei Bereiche unterteilt:
- das Coming Out vor sich selbst
- und nach außen hin vor anderen.
 
Dein Coming Out vor Dir selbst kann mehrere Jahre dauern und von der Ahnung bis zur Gewissheit reichen, lesbisch zu sein. Es kann auch nach Jahren der Gewissheit wieder eine Unsicherheit einkehren, denn manche Frauen leben jahrelang lesbisch und beginnen dann plötzlich doch wieder eine Liebesbeziehung mit einem Mann. Wenn du da gerade irgendwo drin steckst, geht es Dir damit bestimmt nicht gerade gut, vor allem, wenn Du Dich damit ganz allein auf der weiten Welt fühlst. Dagegen hilft natürlich vor allem das Reden mit anderen, die Dich nicht aufgrund Deiner Gefühle und Entscheidungen bewerten. Eine gute Hilfe bieten hier die Lesbentelefone (z.B. der LesLie e.V.), weil Dir da objektiv zugehört wird und Du dort auch Informationen zu bestehenden Coming-Out-Gruppen erhalten kannst, durch die Du Kontakt zu Frauen bekommst, denen es gerade genauso geht wie Dir.
 
Viele Frauen sagen auch erstmal, sie seien bi, weil alle Leute und die Gesellschaft, auch jede Frau irgendwie von sich selbst fordert, sich auf eine der Kategorien der sexuellen Orientierung festzulegen. Sich als bisexuell zu definieren bietet die Möglichkeit, eine Gruppe zwischen schwarz und weiß zu wählen und sich nicht auf eines von beiden schon festlegen zu müssen. Es gibt aber auch Frauen, die sich gleichermaßen zu Frauen wie zu Männern hingezogen fühlen und für die es nicht ein Ausweg aus dem Festlegen müssen ist, sondern die entspricht wirklich ihrer sexuellen Orientierung. Darunter sind Frauen, die mit Frauen und Männern gleichzeitig was laufen haben, aber auch solche, die ganz monogam mal mit einem Mann und mal mit einer Frau leben.
 
Die  andere Form des Coming Outs, nämlich nach außen vor anderen, kann sehr unterschiedlich aussehen und jede geht damit anders um. Das Spektrum ist breit: Einige leben sehr zurückgezogen und erzählen keinem oder nur sehr wenigen on ihrem lesbisch sein, verleugnen ihre Partnerin, in dem sie sie vor anderen als nur gute Freundin vorstellen. Andere erzählen Freunden/Freundinnen und/oder Bekannten und/oder den Eltern/Verwandten, dass sie lesbisch sind. Wiederum andere leben sehr offen lesbisch, indem sie händchenhaltend durch die Straßen gehen, am Arbeitsplatz bekant ist, dass sie eine Partnerin haben und sich politisch für die Rechte von Lesben einsetzen.
 
Diese Art des Coming Out ist auch ein lebenslanger Prozess, da Du immer wieder neuen Menschen begegnest und dann abwägst, ob Du Dich als Lesbe offenbaren magst oder Dir das Risiko einer Diskriminierung/Abwendung zu groß ist.
 
Das Coming Out kann in jedem Alter stattfinden. Die Frage ob Du vielleicht lesbisch bist, kann Dich erstmals mit z.B. 16 Jahren genauso treffen, wie im Alter von 60 Jahren.
 
Vielleicht hast Du Liebesbeziehungen mit Männer geführt, warst/bist verheiratet und hast evtl. eigene Kinder, weil Dir vorher gar nicht klar war, dass Du ja auch noch andere Möglichkeiten hast und diese nichts verwerfliches an sich hat. Zwar hast Du mittlerweile vielleicht schon öfters mal was in den Medien über Lesben mitbekommen, aber das dort vermittelte Bild von Lesben wie z.B. die Figur "Walter" aus der TV-Serie "Hinter Gittern" hat Dich eher abgeschreckt und Gedanken in Dir hervorgerufen wie "so bin ich nicht" oder "so will ich nicht sein". Meist vermitteln ja immer noch die Medien: Lesben sind Mannweiber, sie nehmen in einer lesbischen Beziehung jeweils eine typische Frauen- und Männerrolle ein oder sie sind irgendwie skurrile , ausgeflippte, exotische Wesen. Zwar gibt es so etwas auch, aber beim besten Willen nicht nur! Vielleicht bist Du in einer Zeit aufgewachsen, die Dir Deine Identitätsfindung schwer gemacht hat, weil Lesben noch viel mehr als heute totgeschwiegen und als krank bezeichnet wurden (die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Homosexualität erst im Jahre 1993 als Krankheit aus dem Register gestrichen!).
 
Auf jeden Fall ist die Klärung der eigenen Identität in unserer Gesellschaft noch immer schwierig, weil Heterosexualität immer noch als "normal" (im Sinne einer Wertung) gilt. Denn niemand fragt, warum er/sie heterosexuell wurde, aber Du sollst Dich fragen warum Du lesbisch wurdest! Es gibt sogar viele Leute, die genau wissen, was Homosexualität bedeutet, aber mit dem Wort Heterosexualität (=die Liebe zwischen Mann und Frau) nichts anfangen können. Auch dies zeigt, für wie selbstverständlich Heterosexualität in unserer Gesellschaft angesehen wird. Also kein Wunder, wenn Du vielleicht erst mit 60 Jahren erkennst, dass Du lesbisch bist.
 
 
Was passiert, wenn ich offen als Lesbe lebe?
 
Je offener und selbstbewusster Du mit Deinem Lesbischsein umgehst und je mehr Kontakte Du zu anderen Lesben hast, um so besser wird es Dir insgesamt gesehen gehen. Natürlich könnte nun dadurch die Gefahr der offenen Diskriminierung durch andere häufiger und massiver werden. Jedoch strahlst Du durch einen offenen und selbstbewussten Umgang mit dem eigenen Lesbischsein und dem Wissen um den Rückhalt durch befreundete Lesben eine solche Stärke aus, dass die meisten Leute nicht wagen, Dich anzugreifen.
 
Dein Coming Out zeigt Dir, wer zu den wahren Freunden zählt und Dich mag, unabhängig davon, wen Du liebst, wem Du als Person wichtig bist und dem nur wichtig ist, dass Du glücklich bist. Dabei solltest Du aber auch bedenken, dass nicht nur Du lange dafür gebraucht hast, Dich als Lesbe zu akzeptieren, räume deshalb diese Zeit auch anderen Personen ein. Die Zeit brauchen andere auch, weil Du mit Deinem Coming Out deren eigene Identität sozusagen selbst in Frage stellst und sie dann auch mehr oder weniger bewusst in eine Identitätskrise geraten.
 
Ein schwieriges Kapitel sind dabei die eigenen Eltern und sonstige Verwandtschaft. Niemand kann Dir sagen wie sie reagieren werden, weil es für sie etwas anderes ist, ob Hella von Sinnen lesbisch ist oder die eigene Tochter. Auf jeden Fall wird Dich leider zumindest am Anfang keiner beglückwünschen, denn leider ist unsere Gesellschaft nicht so weit, dass sich jemand darüber freut, wenn Du endlich Deine Bedürfnisse und Deine Liebe gefunden hast.
 
Auch beruflich wirst Du Dich wohler fühlen, wenn Du Dir keine Gedanken mehr über die anderen machen musst, weil Deine Partnerin schon wieder mal im Büro anruft. Du wirkst nicht mehr arrogant und distanziert, weil Du in Gesprächen mit Kollegen Deinen Alltag nicht mehr heraus hältst. Bei Betriebsfeiern wirst Du vielleicht nun auch "mit Anhang" eingeladen. Wenn Du selbstbewusst dazu stehst, haben die Kollegen Angst, etwas negatives zu sagen, denn Du machst dann den Eindruck, dass Du Dich auch selbstbewusst wehren kannst.
 
 
Was kann mir passieren, wenn ich nicht offen als Lesbe lebe?
 
Je mehr Du Dein Lesbischsein verheimlichst, in um so mehr Schwierigkeiten kannst Du geraten. Dich werden dann viele Ängste quälen, dass Dein Verhalten andere stutzig machen könnte und sie etwas zu ahnen beginnen. Es kann sich dazu entwickeln, dass Du ein richtiges Doppelleben führst welches Dich richtig schlimm belastet bis hin zum psychischen Krankwerden oder Alkoholismus führt. Denn wenn Du niemanden hast, mit dem Du über Deine Gedanken sprechen kannst, dass Du lesbisch sein könntest, oder bei Fragen nach der Liebe einen Mann vortäuschst oder Deine Partnerin verleugnest, kommt es zu mannigfachen negativen Folgen.
 
Du verstrickst Dich in ein Lügengerüst, musst Dir genau merken, was Du erzählt hast, damit es nicht zu Widersprüchen kommt und Du nichts falsches sagst. Wenn Du eine Partnerin hast, kann es zu großen Beziehungsschwierigkeiten kommen, weil Deine Partnerin sich durch das Verleugnen abgewertet fühlt. Falls jemand in deiner Umgebung etwas vermutet, kann es sein, dass Du vermehrt Diskriminierung und Sticheleien ausgesetzt wirst. Denn die Leute merken, dass Du nicht zu Deinem Lesbischsein stehst, dadurch wirkt das wie eine angreifbare Stelle, eine Schwäche, wo sie rein schlagen können.
 
Durch ein verstecktes Lesbischsein vermeidest Du die schmerzliche Erfahrung, dass sich jemand vor Dir zurückzieht, wenn diese Person mit Deinem Lesbischsein nicht klarkommt. Du gehst das Risiko nicht ein, dass Deine Eltern Dich vor die Tür setzen mit den Worten "wir haben keine Tochter mehr". Allerdings spielst Du dann eine Doppelrolle vor den Leuten, denen Du eigentlich am Vertrautesten sein solltest, und das mit all den Nachteilen, die ein Doppelleben mit sich bringt. Und Du erfährst nicht, ob Deine Eltern sich nicht vielleicht nach dem ersten Schock bekrabbeln und sich hinter Dich stellen.

Beruflich wirst Du mit einem verstecktem Doppelleben besser dastehen, wenn Du bei einem kirchlichen Träger arbeitest und dort weiterarbeiten willst. Eigentlich darf niemand wegen seiner sexuellen Orientierung gekündigt werden, aber Kirchen bilden da eine Ausnahme. Homosexualität verstößt gegen die innerkirchlichen Regeln und ist somit bei kirchlichen Trägern ein legaler Kündigungsgrund. Jedoch können Dir die Folgen eines Doppellebens auch hier sehr zu schaffen machen. Zwar darfst Du bei allen nicht kirchlichen Trägern wegen Homosexualität nicht gekündigt werden, aber durch ein versteckt Leben vermeidest Du das Risiko eines anderen, vorgeschobenen Kündigungsgrundes. Da Du außerdem ja die Kollegen nicht so einfach auswechseln kannst, bist Du auf der sicheren Seite, wenn Du aus Angst vor Sticheleien oder Beleidigungen/Diskriminierungen ein Doppelleben führst. Dies trifft vor allem auf Arbeitsbereiche zu, in denen Du mit Kindern arbeitest, weil Dir unterstellt werden könnte, Du würdest Sie zu "Homos" erziehen.

Du siehst, es gibt jede Menge Vor- und Nachteile für das Offenleben und Verstecken des Lesbischseins. Wie Du Dich in der jeweiligen Situation verhalten willst, kannst Du nur selbst entscheiden. Aber oft hilft es erstmal mit jemanden darüber zu reden, der Deine letztendliche Entscheidung stehen lässt, egal wie sie ausfällt.

Letzte Änderung am 05.01.2007. Bei Problemen und Fehlern bitte Mitteilung an Webmaster.